Mutig sein - für die Natur
Interview in Wort und Bild: Pavel Hubeny - Direktor des Nationalparks Sumava
Eintrag Nr. 12/2025
Datum: 02.04.2025



Vimperk. Pavel Hubený ist seit Mai 2014 Leiter des Nationalparks Šumava. Seitdem wachsen die Verwaltungen der benachbarten Nationalparke immer enger zusammen. Im Interview erzählt der 61-Jährige, wie er von der Zusammenarbeit profitiert und was seine größte Herausforderung war.
Der Nationalpark Bayerischer Wald ist jüngst von der Weltnaturschutzorganisation IUCN als vollwertiger Nationalpark zertifiziert worden, beim Festakt haben ja auch Sie mitgefeiert. Grundlage dafür war die Auszeichnung von 75 Prozent der Schutzgebietsfläche als Naturzone. Ein Ziel, das auch der Nationalpark Šumava anstrebt? Wenn ja: Wann wäre das realistisch?
Pavel Hubený: Ja, der Nationalpark Šumava hat sich in der Tat das langfristige Ziel gesetzt, bis 2060 auf 75 Prozent des Gebiets natürliche Prozesse zuzulassen. Das mittelfristige Ziel ist es, den Prozessschutz bis 2035 auf 52 Prozent der Nationalparkfläche zu erreichen.
Bleiben wir beim Feiern: Der Nationalpark Šumava wird im kommenden Jahr 35 Jahre alt. Gibt es schon Pläne, wie Sie dieses Jubiläum zelebrieren wollen?
Pavel Hubený: Ich muss zugeben, dass wir uns noch nicht mit der detaillierten Planung dieser Feierlichkeiten befasst haben. Fest steht, dass wir dieses Jubiläum mit allen unseren Partnern, Freunden, Förderern und natürlich mit der gesamten Bevölkerung
feiern werden. Ich freue mich schon sehr darauf!
Wie auf bayerischer Seite gibt’s auch in der Geschichte des Nationalparks Šumava Höhen und Tiefen. Aber wie ist es mittlerweile um die Akzeptanz in der Bevölkerung bestellt?
Pavel Hubený: Alle Zeichen deuten darauf hin, dass der Nationalpark mit seinen Zielen allmählich von einem wachsenden Teil der Bevölkerung akzeptiert wird. Was die Vergangenheit betrifft, so würde ich sagen, dass es eher ein Prozess der Suche nach dem Sinn eines Nationalparks war. Lange Zeit war die Stimmungslage in der Bevölkerung eher so, Wildnis auf großer Fläche abzulehnen. Heute ist dies nicht mehr der Fall und jeder, der unsere Landschaft besucht, sieht, dass das Zulassen natürlicher Prozesse eine äußerst interessante Alternative zur konventionellen Bewirtschaftung darstellt und Werte mit sich bringt, die in einem bewirtschafteten Wald auf Dauer nicht erhalten werden können.
Sie sind der bisher mit Abstand am längsten amtierende Nationalparkdirektor: Was war in den vergangenen knapp elf Jahren das herausragendste Ereignis für Sie?
Pavel Hubený: 2017 wurde in der tschechischen Gesetzgebung ein langfristiges Ziel für alle Nationalparke festgelegt: das Zulassen von natürlichen Prozessen in einem überwiegenden Teil ihres Gebiets. Auf bayerischer Seite würde man sagen, man will der Philosophie „Natur Natur sein lassen“ mehr Raum geben. Der Gesetzesvorschlag wurde vom Verfassungsgericht überprüft und als rechtskonform bewertet. Dies war ein Schlüsselmoment, buchstäblich ein Wendepunkt.
Wo Licht ist, ist auch Schatten: Was hat Sie am meisten gefordert?
Pavel Hubený: Mutig genug zu sein um unser Ziel, der Natur mehr Raum zu geben, näher zu kommen.
Blicken wir in die Zukunft: Der Nationalpark Bayerischer Wald ist ja der ältere Bruder des Nationalparks Šumava. Gibt’s da vielleicht noch Punkte, die sie ihm gleichtun wollen?
Pavel Hubený: Im Nationalpark Bayerischer Wald gibt es eine viel höhere Dichte an Rangern als in Tschechien. In deren Arbeit geht es nicht nur um die Überwachung von Regeln, sondern vor allem auch darum, den Menschen zu vermitteln, wie wichtig Nationalparke – also Flächen, in denen sich der Mensch bewusst zurücknimmt - sind. Das möchte ich bei uns auf tschechischer Seite noch gerne ändern. Mir ist es ein Anliegen, dass unsere Ranger den Menschen erklären, was mit unseren Wäldern geschieht, wenn wir nicht mehr eingreifen. Dies fördert nicht nur die Artenvielfalt, letztendlich profitieren auch die Menschen von dieser unberührten Natur.
Und wo könnten die Bayern ihrerseits noch mehr vom Böhmerwald lernen?
Pavel Hubený: Ob wir in irgendeiner Hinsicht lehrreich sind? Das ist eher eine Frage an meine Kolleginnen und Kollegen auf der bayerischen Seite. Ich denke, wir sind ein gut harmonierendes Paar und ergänzen uns, wo es geht. Es ist ein Geben und Nehmen – und das freut mich besonders.
Info: Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des Nationalpark-Magazins "Unser wilder Wald". Das Magazin liegt nicht nur in der Region aus, sondern ist als ePaper-Ausgabe auch auf der Nationalpark-Homepage veröffentlicht.